Mein Liebesmensch schlägt mich – Gewalt in der Beziehung
Wir hören immer mal wieder, dass Frauen von ihren Männern geschlagen werden. Das ist sehr schlimm. Doch es gibt auch Männer, die von ihren Frauen geschlagen werden. Und auch in gleichgeschlechtlichen oder queeren Beziehungen kann es gewalttätige Partner*innen geben.
Mein Freund schlägt mich
Ich war 22 Jahre alt. Frisch verliebt. Wir waren knapp ein halbes Jahr zusammengezogen, da fing es an. Mein damaliger Freund wurde gewalttätig mir gegenüber. Erst begann es recht harmlos. In einem Streit kassierte ich eine Ohrfeige. Es ging weiter: Ich hatte ihm nicht richtig zugehört und da zog er mir am Ohr. Es steigerte sich immer weiter. Eines Tages kam ich zur Arbeit und hatte einige blaue Flecke im Gesicht und so weiter. Meine Arbeitskolleg*innen sprachen mich drauf an und ich erwiderte nur, ich sei unglücklich gefallen.
Gerade als Mann fühlte ich mich verantwortlich
Natürlich liess ich mich nicht einfach Schlagen. Ich verteidigte mich oder versuchte, mich zu schützen. Doch ich fühlte mich für die Gewalt in der Beziehung mitverantwortlich. Ich schlug ja schliesslich zurück!?
Männer werden doch nicht geschlagen. Gewalt in einer schwulen Beziehung, sowas gibt es doch nicht! Und es tut ihm ja auch Leid. Ein Gefühlschaos und ich wusste nicht, mit wem ich drüber sprechen konnte. Meine – unsere Freunde – finden doch meinen Partner sympathischer. Meine Arbeitskolleg*innen – denen möchte ich nicht so viel Intimes anvertrauen… Ich fühlte mich alleine und habe leider auch die ganze Situation alleine bewältigen müssen. Zu meinem Glück: Mein damaliger Freund machte Schluss, da er sich in einen anderen Menschen verliebte und zog aus. Ich weiss bis heute nicht, ob ich jemals die Reissleine gezogen und es geschafft hätte, die Beziehung zu verlassen oder mir sogar Hilfe zu holen.
Die Gewalt war insgesamt zwei mal so ausgeartet, dass sie an mir sichtbare Spuren hinterlassen hatte. So hatte auch kein (kaum) ein anderer Mensch verdacht geschöpft.
Meine Aufarbeitung der Gewalterfahrungen
Erst viele Jahre später fing ich an, über das Erlebte zu sprechen. Bei einigen Freund*innen stiess ich auf Verständnis. Andere verstanden überhaupt nicht, warum ich mit meinen Ex-Freund noch zusammen geblieben war, obwohl er mich schlug. Diese unterschiedlichen Auffassungen meiner Freund*innen verunsicherten mich wieder. Ich begann wieder zu schweigen. Erst mein heutiger Ehemann konnte mich so unterstützen, dass ich mir Hilfe holen konnte. Ich suchte mir eine Beratungsstelle. Dort konnte ich in Gesprächen aufarbeiten, warum ich mich verantwortlich fühlte. Ich wurde ernst genommen. Mir haben diese Gespräche sehr geholfen.
Profi in Not
Kein Mensch ist vor Gewalt in einer Beziehung sicher. Allzu gern lernen wir, über Gewalt in Beziehungen zu schweigen. Wenn wir Gewalt sehen, wollen wir uns nicht einmischen. Wenn wir selbst Gewalt erfahren, fühlen wir uns meist so schwach, dass wir selbstständig kaum Hilfe holen. Als Profi der Soziale Arbeit, einer geschulten Fachperson für soziales Zusammenleben etc., ging es mir allerdings genau so.
Sich einmischen, Hilfe annehmen, Reden
Es ist wichtig, dass wir – alle Menschen – sich einmischen, wenn andere Menschen Gewalt erfahren. Gerade bei Gewalt in Beziehungen, die sich gut verstecken kann, ist es nötig, dass wir alle zusammenstehen und reagieren. Gewaltbetroffenen Hilfe anzubieten ist der wichtigste Schritt. Hilfe kann vieles sein. Eine Einladung zu Kaffee oder Tee mit einem netten Gespräch zwischen zwei Personen. Und dann einfach mal den Verdacht äussern. Dabei ist es nicht schlimm, wenn die andere Person die Gewalt leugnet. Sie bekommt jedoch das Gefühl, gesehen zu werden. So weiss sie, es gibt einen Menschen in der Nähe, der helfen würde.
Für uns Gewaltbetroffene ist es wichtig, dass wir angebotene Hilfe annehmen. Ich weiss, meine Arbeitskolleg*innen haben mir vermutlich Hilfe angeboten. Und ich weiss auch, dass ich diese nicht angenommen habe. Aber wesentlich später wurde mir Hilfe angeboten und ich konnte sie annehmen. Nicht jede Art der Hilfe wird sich gut anfühlen z.B. wenn die Polizei wegen Lärm plötzlich vor der Tür steht. Aber Hilfe ist da. Für von Gewalt betroffene Personen gibt es verschiedene Stellen, die helfen und mit Rat und Tat zur Seite stehen: Frauenhäuser, Männerberatungsstellen, Psycholog*innen, Ehe- und Beziehungsberatungen. Ergreifen Sie die Initiative!
Reden hilft – klingt doof, ist aber so. Es hilft, über die eigenen Gewalterfahrungen zu sprechen egal, ob in einem dem Thema aufgeschlossenen Freundeskreis, bei Ärzt*innen oder anderen Fachpersonen. Die Ängste und Verletzungen können nur so überwunden und geheilt werden. Und dass auch, wenn der Prozess sehr lange dauern kann.

Gewalterfahrungen? Sie möchten mit mir darüber sprechen? Oder haben Sie Fragen zu Ihrer Beziehung, Liebe, Partnerschaft oder Sexualität? Gerne stehe ich Ihnen als Fachperson mit begleitenden Gesprächen zur Seite.

Holger Henning Seidel-Niggemann
Praxis für Beziehung, Liebe, Partnerschaft & Sexualität
+41 76 389 51 00 | praxis@holgerniggemann.ch
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